Der Grenzauflauf

„Wir haben mehr Konservendosen als restliche Urlaubstage, Tim!“

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Tim:
Die Einreisebestimmungen von Chile werden laut Berichten diverser Reisender derart konsequent durchgesetzt, dass wir den Abend vorher sicherheitshalber noch ein kleines gefüllte-Pfannkuchen – Restevernichtungsgelage einlegten. Wie sich zeigen sollte, mit gutem Recht, denn an der Grenze am nächsten Tag wurden uns gnadenlos, die verblieben Käse, Tomaten und Eier abgeknöpft. Bei unserem Erscheinen am chilenischen Migrationsschalter, konnten wir auch sogleich einen Beamten mit einer Auflaufform und Käsereibe in einem Nebenzimmer verschwinden sehen. Unsere Vermutung: sobald sich Overlander der Grenze nähern, wird schon mal der Ofen angeworfen, da diese ja meist leckere Zutaten für den Mittags-auflauf mitbringen. Naja, ein paar Liter Milch konnten wir zum Glück schmuggeln, das wäre sonst zu teuer geworden. 🙂

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Chile, das wahrscheinlich letzte Land auf unserer Tour hat das Bestreben bis 2020, ein „erste Welt – Land“ zu werden. Diese Bemühungen zeigten sich bereits kurz hinter der Grenze: obwohl extrem abgelegenes und unbesiedeltes Hochland, wurde die Straße recht schnell zu Asphalt, was in Bolivien doch eher die Seltenheit war. In der ersten großen Stadt, Calama gab es westliche Shoppingzentren mit Fastfood und Supermärkten, die keine Wünsche offen ließen. Da wir den Wechselkurs für chilenische Pesos aber noch nicht kannten, hielten wir uns zurück und besorgten nur die nötigsten Vorräte, bevor es durch die Wüste nach San Pedro de Atacama ging.

Murphy:

Wir schliefen in der Wüste zwischen einem Haufen Luftfilter und Lamaköpfen  was wir zum Glück erst am nächsten Morgen entdeckten. Den nächsten Tag fuhren wir in das kleine schnukelige Wüstendorf San Pedro und erledigten bei Kaffee und Omelett, ohne Kenntnisse des Wechselkurses, Internetarbeit. Der Kurs liegt bei 750 zu 1, sodass wir für einen Euro den Liter tanken können, für einen Kaffee 2 Euro und ein Omelett knapp 5 Euro bezahlten. Alles ein bisschen teurer als in den vorherigen Ländern, aber aushaltbar. Dafür kosten die Sehenswürdigkeiten selbst bei deutschen Sichtverhältnissen sehr viel Geld. Da Mal 15 Euro für Geysire oder 20 Euro für eine Miniversion des toten Meeres mit Wassertemperaturen, die nicht zum Verweilen einladen.

Da das Geysirfeld „El Tatio“, das höchstgelegenste der Welt ist, und höchstgelegenste Sachen unser Ding sind, ließen wir uns diese Attraktion natürlich nicht entgehen. Unser erster Versuch, das auf 4300m liegende Feld zu erreichen wurde leider von der Polizei unterbunden. Zu viel Schnee, zu kalt, zu gefährlich. Wahrscheinlich hatten sie einfach keine Lust, eingefrorene Turis aus dem Gebiet zu befreien. Zusätzlich geht das Gerücht, eines auf der Lagunenroute erfrorenen Overlanders, rum. Wir trafen noch zwei Schweizer und zwei nette Ostfriesen aus Brahmsche (Nähe Osnabrück), die unser Schicksal teilten. Wir schauten uns ihr matschbeschlagenes Auto an und entschieden uns, dem „Rat“ der Polizei zu folgen und eine Nacht vor dem Schneegebiet zu warten. Am nächsten Morgen ging es dann, nachdem wir dem Scrapper etwas Zeit gaben, die Straße zu säubern, Richtung Geysirfeld. Auf wunderschön verschneiten Schneeebenen, umzäunt von Vicunas, erreichten wir gegen späten Mittag den Parkplatz. Da die Geysire aber speziell in der Morgensonne besonders eindrucksvoll sein sollen, beschlossen wir noch den Tag zu vertrödeln um in den vollen Genuss zu kommen. Wir legten also einen Schneetag ein. Wir fuhren wieder auf die Schneeebene und tranken viel Kaffee, fütterten ein Mäuschen mit Parmesankäse und machten Schneekugeln. Wir fuhren uns ein paar Mal fest, da 20-30cm Schnee lagen. Den geheimen Bereich, den niemand kennt, konnten wir wegen des hohen Schnees leider nicht erreichen. Abends fuhren wir wieder auf den Parkplatz und machten uns auf eine kalte Nacht gefasst. Durch die letzten Tage waren wir an nächtliche Minusgrade gewöhnt, aber als kurz nach Sonnenuntergang schon unsere Scheiben gefroren, wussten wir, dass es keine spaßige Nacht werden würde. Naja, um sechs Uhr wird dann aufgestanden, der Motor angeschmissen und der wärmt uns schon…. Dachten wir.  Natürlich, war das Kommende zu 100% ein Resultat unserer eigenen Dummheit. In diesem Gebiet sind Temperaturen von bis zu -30 Grad nicht unbedingt ungewöhnlich und da wir uns am Winteranfang Chiles bewegen, sank die Temperatur dann auch auf, von uns geschätzte, -10 bis -15 Grad ab. Allgemein fühlte sich alles wie auf einer Arktisstation an. Trotzdem kein Grund Frostschutzmittel in sein Kühlwasser zu tun!!! Resultat: Kühlwasser komplett gefroren, sowie eigentlich auch alles Wasser in und um unser Auto herum. Sogar das Frostschutzmittel, welches wir schlauerweise gekauft, aber nicht eingefüllt hatten, war ein einziger grüner Eisblock – anscheinend Scheißzeug. Großes Bangen um unser Auto, viel Frieren und dutzende Touribusse, die an uns zu den Geysiren vorbeifuhren, prägten unseren Morgen. Erst mit der Kraft der aufgehenden Sonne, konnte unser Kühler langsam enteisen und nach ca. zwei Stunden sehr wenig Spaß pustete unser Lüftung warme Luft in unser Auto, das Wasser zirkulierte wieder und der Motor konnte seine Temperatur halten. Riesen Glück gehabt!

Tim:

Nach der Kühlwasseraktion mit mehr Glück als Verstand, konnten wir endlich in Ruhe und ohne Hintergedanken die Geysire besichtigen und genießen, während unser Motor sich warm blubberte. Nach einem ausgiebigem Frühstück mit nicht zu knappem Kaffee waren alle Touristen schon weitergezogen und wir hatten den Ort für uns. Baden in heißen Quellen, Fotos ohne störende Menschen und mein persönliches (H)Eighlight: im 85 Grad heißen Geysirwasser gekochte Eier, gesalzen mit dem Salz aus dem Salar de Uyuni.

Der Weg zurück nach San Pedro war schlammig aber unkompliziert. Mit dem dringenden Bedürfnis nach einer nicht zu kalten Nacht schlugen wir unser Lager an einem einsamen Baum mitten in der Atacama und rund 2000 m tiefer als die Nacht zuvor auf. Das noch vom Schneetag kühle Bier versüßte uns die Abendsonne bei Gitarre und Zwiebelringen.

Südlich von San Pedro besuchten wir noch ein paar Lagunen, bevor wir im Norden des Ortes tief in einen Canyon fuhren um hier einer weitere Nacht zu campieren – wirklich eine ausgesprochen schöne Gegend.

Da der Weg irgendwann und irgendwie weiterführen musste machten wir uns auf in Richtung Küste. Nach dem obligatorischen „Futter und Sprit – Auffüllen“ in Calamar fühlten wir uns nichtmehr nach Kilometerfressen und fuhren südlich der Stadt einfach mal auf gut Glück in die Wüste rein. Neben einem von Spuren durchzogenen Berg, beschlossen wir, gut geschützt zu campen und machten uns mit einem Becher Kaffee bewaffnet an die Erkundung der komplett entlegenen Gegend.
Nachdem wir einige echt tiefe Löcher ohne sichtbares Ende, verrostet Gasmaskenfilter und von Grünspan verfärbten Fels entdeckt hatten, waren wir uns sicher, wir hatten eine verlassene Kupfermine gefunden.

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Murphy:

Die nächsten Tage ging es weiter an der Küste entlang, von Antofagasta bis nun Capiopipi. Dabei sahen wir schöne Strände mit einem wilden Meer und teilweise gigantischen Wellen. Leute im Wasser sahen wir nie, ließen uns davon aber nicht abschrecken. Gestern sprangen wir in das Kühle nass und fanden heraus, dass die Temperatur nicht unbedingt zum Baden einlädt – zum Abkühlen aber allemal ausreichend ist. Die Küste ist von schergratigen Felsformationen durchzogen und hier und dort gibt es kleine Hütten. Vermutlich Fischer oder Algentrockner. Am erwähnenswertesten ist bisher der Küstennationalpark „Pan de Azucar“, der uns mit seinen Wüstendünen auf einer Hochebene, gefolgt von einer schönen Steilküste, sehr verzauberte. Wir blieben länger als geahnt, da uns auch die kleinen Grüntupfer von Kakteen und Büschen ganz gut gefielen. Bis auf San Pedro de Atacama haben wir Chile bisher nur als eine einzige Geröllwüste wahrgenommen – trotzdem sehr schön. Heute sind wir in Capiopipi, etwas landeinwärts, angekommen, füllen unsere Vorräte ein wenig auf, versuchen den guten Optimus unter die Leute zu bringen und werden dann weiter landeinwärts zu einer Mine fahren. Tims Unterwasserbogenschützin ist sehr schwer zu verstehen…

 

Tim und Murphy

Tim: Schreib, dass wir auf einem riesigen Lkw waren!!!!!!

Ein Gedanke zu “Der Grenzauflauf

  1. Wieder spannende Berichte mit sowohl Miterlebnis-Charakter, als auch Abschreckungsgefühlen! Die Temperaturunterschiede in dem Sehnsuchts- und gleichzeitig unbekanntem Land sind bemerkenswert; zum Nachahmen sind sie für uns nicht geeignet! Weiterhin alles Gute und gelingende Erlebnisse auf eurer (letzten?) lateinamerikanischen Station! K+J

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